Am Donnerstag, dem 23. Juli, feierte Martin Michaeli, Gründer der Marke Mephisto, gemeinsam mit den fast 400 Mitarbeitern seines traditionsreichen Werks in Sarrebourg seinen 90. Geburtstag.
Erschienen im „Le Républicain Lorrain“, 25. Juli 2026
Von seinen Anfängen als Lederzuschneider bis hin zur Auszeichnung als „Unternehmer des Jahres“ im Jahr 1999 hat der Mann mit Riesenschritten ein Imperium aufgebaut.

Mit 90 Jahren ist Martin Michaeli nach wie vor im Unternehmen tätig. Er hat die Welle entworfen, die die Sohle der neuen Laufschuhkollektion ziert.
Foto: Laurent Mami
Ihr Vater betrieb ein Schuhgeschäft in Saarbrücken, Ihrer Heimatstadt. Haben Sie schon immer davon geträumt, sein Geschäft zu übernehmen?
„Ich kann mich nicht daran erinnern, was ich als Kind werden wollte. Es war Krieg. Die Alliierten bombardierten die Fabriken in Saarbrücken. Ich ging nicht mehr zur Schule, mein Vater war trotz seines Alters eingezogen worden, wir lebten von Tag zu Tag. Wir hatten mehrere Paar Schuhe unter den Dachziegeln unseres Hauses versteckt. Ich war der Einzige, der klein genug war, um sie dort herauszuholen. Ich tauschte sie gegen Obst und Lebensmittel ein. Mein Vater, der in der Normandie in Gefangenschaft geraten war, kehrte erst zwei Jahre nach Kriegsende zurück. Ich hatte nicht wirklich die Muße gehabt, über meine Zukunft nachzudenken. Das Geschäft zu übernehmen, schien mir selbstverständlich. Also ging ich zum Schuhinstitut in Pirmasens, um das Handwerk zu erlernen.“
Doch Sie sind nicht ins Saarland zurückgekehrt. Mit 21 Jahren haben Sie Kurs auf Amerika genommen.
„Ich bin mit einem kleinen Pappkoffer in die Vereinigten Staaten gereist. Den habe ich übrigens immer noch. Ohne einen Cent in der Tasche und mit nur drei Worten Englisch. Mir war nicht bewusst, dass dort der Großteil der Textil- und Schuhindustrie von Juden geführt wurde. Als Deutscher fragte ich mich, wie ich wohl aufgenommen werden würde. Aber in Amerika wird man, wenn man fleißig ist und sein Handwerk versteht, respektiert – ganz gleich, woher man stammt. Ich habe dort sechs unglaubliche Jahre verbracht. Ich habe Englisch gelernt, mich vom Lederzuschneider zum Schnittmusterzeichner weiterentwickelt und bin schnell die Karriereleiter hinaufgestiegen. Ich wollte nicht mehr weg.“
Warum sind Sie dann nach Europa zurückgekehrt?
„Mein Studentenvisum lief aus, und die Einwanderungsbehörde fand es merkwürdig, dass ein Student so gut verdiente. Mein Chef und Freund verfasste eine Petition an die US-Regierung mit dem Titel: ‚Wenn wir Michaeli gehen lassen, wird dies einen großen wirtschaftlichen Verlust für das Land bedeuten.‘ Er hat ein wenig übertrieben.“
So sehr auch nicht. Denn Sie haben sofort Ihre eigene Fabrik gegründet.
„Ja, dank des Geldes, das ich in diesen Jahren in den Vereinigten Staaten gespart hatte. Ich wollte meine eigene Schuhmarke gründen. Ich war 25 Jahre alt, sah aber aus wie 18. Die Leute hielten mich für verrückt und gaben mir drei Wochen, bis ich scheitern würde. Ich hatte mich entschieden, mich in Dalhunden im Elsass niederzulassen. Ein großer Fehler. Die Fabrik lag viel zu nah an der deutschen Grenze, und da die Löhne jenseits des Rheins besser waren, fiel es mir schwer, meine Mitarbeiter zu halten. Ich arbeitete Tag und Nacht, beschloss jedoch, mir einen Tag pro Woche Zeit zu nehmen, um Lothringen zu erkunden und einen anderen Standort zu finden. Meine Wahl fiel auf Sarrebourg, weil dort sowohl Deutsch als auch Französisch gesprochen wurde.“
Wir befinden uns also im Jahr 1965. Wie wurde Ihr Projekt in Sarrebourg aufgenommen?
„Sehr gut. Ich hatte ehemalige Militärkasernen mit ihren kleinen, hoch gelegenen Fenstern ausgemacht. Der damalige Bürgermeister ließ sie von ihrem Gerümpel befreien, damit wir uns dort mit etwa zwanzig Arbeitern einrichten konnten. Die Bedingungen waren sehr spartanisch, aber wir produzierten täglich zwischen 80 und 100 Paar Schuhe. Zwei Jahre später waren wir fünfzig Arbeiter, 40 Heimarbeiterinnen, und wir stellten täglich 420 Paar Schuhe her. Um einen Gang höher zu schalten, musste eine Fabrik gebaut werden. Sie entstand 1969, und auch hier hat uns der neue Bürgermeister, Pierre Messmer, unterstützt. Er organisierte sogar den Transport unserer Maschinen per Militärkonvoi!“
Aus der Werkstatt wurde ein Werk, das sich schließlich zu einem Imperium entwickelte – mit zwei Produktionsstandorten in Sarrebourg und in Portugal, 2.100 Mitarbeitern, drei Marken, die aus der Kultmarke Mephisto hervorgegangen sind, einer Tagesproduktion von 16.000 Paar Schuhen und 18.000 Verkaufsstellen weltweit…
War das von Anfang an Ihr Ziel?
„Ich hätte mir nie vorstellen können, ein Imperium aufzubauen, aber ich habe immer in großen Dimensionen geträumt. Ich wollte einfach nur das beste Paar Schuhe der Welt herstellen. Und ich hoffe, dass mir das mit der nächsten Kollektion gelingen wird. Denn man kann immer noch besser werden.“
Sie haben die Leitung des Unternehmens an Ihre Kinder Marc und Stéphanie übergeben. Das ist ein schweres Erbe.
„Umso mehr vor dem Hintergrund der Krise in der Textil- und Schuhindustrie. Seit 1965 haben wir miterlebt, wie zahlreiche Fabriken geschlossen wurden. Ich glaube, dass Mephisto sich behaupten kann, weil das Unternehmen bei seinen Qualitätsstandards niemals Kompromisse eingegangen ist. Wir haben unsere Produktion nicht in Niedriglohnländer verlagert. Das Know-how unserer Mitarbeiter ist unser größter Trumpf, und es erfüllt uns mit Stolz, auf unseren Verpackungen ‚Made in France‘ oder ‚Made in Portugal‘ angeben zu können. Unsere Kunden wissen: Wenn Sie ein Paar Mephisto kaufen, werden Sie es auch zehn Jahre später noch besitzen. Wir sind das Gegenteil von Fast Fashion.“
Das Interview führte Stéphanie Paquet
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