In Hurden lebt der Mann, der mit seiner Firma Mephisto die Schuhwelt geprägt hat. Klein angefangen, verkauft das Unternehmen mittlerweile Schuhe in knapp 90 Ländern. Heute erzählt Gründer Martin Michaeli aus seinem Leben. Morgen wird er 90 Jahre alt.
Text und Bild: Michael Wassner
Erschienen im Schweizer „Höfner Volksblatt“, 3. Juli 2026

Martin Michaeli, sein Koffer und zwei Schuhmodelle für die Zukunft.
Martin Michaeli spricht gerne über Schuhe. Vor allem darüber, wohin sie ihn trugen. Die Strecke war weit. Für ein Gespräch über den Weg, die Mode, das Leben ein kurzer Halt in Hurden. Morgen feiert der Mann, dessen Leben sich grösstenteils um Schuhe drehte, den 90. Geburtstag. Sein Wunsch? «Dass wir uns in zehn Jahren alle wiedersehen, zum 100. Für mein Alter bin ich noch gut zu Weg.» Das Geheimnis des Jungbrunnens? Wird nicht verraten. Nur so viel: «Ich bin zufrieden, habe eine tolle Frau, liebe Kinder, sechs Enkelkinder.» Und dann ist da die Freude an der Arbeit. Michaeli steht jeden Tag um 5 Uhr auf, sonst wird die Zeit knapp. Kürzertreten? Fehlanzeige. «Ich mache das nicht, weil ich es muss, sondern weil es mir Spass macht.»
Der amerikanische Traum
Michaeli, geboren 1936 in Saarbrücken, lernte Schuhingenieur. An der Schuhfachschule in Pirmasens, damals eine begehrte Adresse. Dass er überhaupt in diese Branche hineingeriet, lag am Vater, der mehrere Schuhgeschäfte betrieb. «Und ich war ein Kriegskind. Wir sassen im Bunker, statt in der Schule. Nach dem Krieg war das Bedürfnis, Abitur zu machen, nicht mehr da. Also entschied ich mich für den Schuhingenieur.» Und auch für die USA. Der amerikanische Traum? «So ungefähr. Das gab es: Jemand wanderte nach Amerika aus und kam als reicher Mann zurück.» In der harten Nachkriegszeit waren die USA für Michaeli das, was sie für viele waren: ein Versprechen. Mit 21 packte er seinen Koffer und fuhr mit dem Schiff über den grossen Teich. Die Hoffnungen und Wünsche gross, die Sprachkenntnisse klein. Den Koffer hat er heute noch. Er steht vor dem Tisch auf der Terrasse in Hurden.
In den USA hatte er keine Verwandten, keine Bekannten, niemand wartete auf ihn. Der junge Schuhingenieur arbeitete in verschiedenen Fabriken, der Weg führte vom Hilfsarbeiter bis zum Betriebsleiter und eines Tages zurück ins Elsass. Dort gründete er seine Firma Mephisto. Sie wurde zur grössten Schuhfabrik Frankreichs. Die Exporte gingen in 80 Länder, heute sind es 90.
« Ich bin zufrieden, habe eine tolle Frau, liebe Kinder und sechs Enkelkinder. »
Ideen füllen Nischen
Erfolg braucht immer wieder neue Ideen. Ein Beispiel? «Vor 25 Jahren fragte ich mich: Was fehlt auf dem Markt? Ein Schuh zwischen einem Adidas-Sport- und einem Strassenschuh.» Von seinen Entwürfen waren die Schuhvertreter wenig überzeugt.
Der Unternehmer verbrachte kurzerhand die Nacht mit der Gestaltung des Mephisto-Auftritts an der Sportausstellung. «Wir hatten den schönsten Stand.» Und siehe da: Das Modell wurde nicht nur würdig präsentiert, sondern gleich noch zum grössten Erfolg der Sportschuh-Geschichte. Anfängliche Zweifler rissen Michaeli die Ware aus der Hand. Die Skeptiker waren verstummt.
Gibt es eine Nische, muss man sie erkennen. Die gebe es auch heute noch, sagt Michaeli, der entschieden hat, sich noch mal intensiv mit dem Geschäft zu befassen. Andere Hobbys, die zu kurz kommen könnten, gibt es nicht. «Mein grösstes Interesse waren immer Schuhe.» Wobei: Ab und zu geht’s in sein Haus auf Teneriffa. Zum Golfen und Ferien machen.
Auf dem Tisch in Hurden stehen zwei neue Schuhmodelle. Eine ganz weiche Mischung in mehreren Lagen, spezielle Schockabsorber, sorgen für ein angenehmes Tragegefühl. «Da läuft man wie auf Butter. Das sind jetzt schon Erfolgsmodelle.»
Das grüne Haus
Martin Michaeli lebte in Deutschland, Frankreich, den USA, der Schweiz. Wohl fühlt er sich überall. Am Zürichsee hat er ein Anwesen im Kanton Zürich und jenes in Hurden. Seit zehn Jahren lebt er in dem Ortsteil Freienbachs. Es habe eine ganze Weile gedauert, dieses Haus zu finden. Der Vorbesitzer hatte es rot gestrichen. Jetzt ist es grün. «Ich konnte nicht in einem roten Haus wohnen.»
Der 89-Jährige ist glücklich in Hurden. Zum Anwesen gehören ein Pool, ein Teich, ein Steg, ein Boot. «Meine Frau liebt es, damit auf den See zu fahren», sagt er. Aber dort hat es nicht immer so schön ausgesehen. Michaeli deutet auf den Garten. «Hier war alles kahl, keine Bäumchen, das Bootshaus zusammengefallen, keine Rosen. Ich habe viel gemacht, auch innen.» Das Potenzial hatte er sofort gesehen.
Die Nachbarschaft habe sich in der letzten Dekade kaum verändert. «Das stand alles schon. Nur ein Haus gegenüber wurde neu gebaut.» Man kennt sich. «Einmal im Jahr kommen alle zusammen, essen und trinken.» Ein Quartierfest.

Martin Michaeli in seinem Garten: ein Freund der Kunst.
Die Sache mit dem Glück
Im Jahr 2000 wurde Michaeli der höchste Orden Frankreichs, der «Chevalier de la Légion d’Honneur», «Ritter der Ehrenlegion», verliehen. «Ich bekam den nicht, weil Jacques Chirac mein Gesicht gefiel, sondern weil ich viele Arbeitsplätze geschaffen hatte.» Dazu kam der Preis als Unternehmer des Jahres in Frankreich 1999. «Ich wurde da aus 11 000 selbständigen Betriebsinhabern gewählt.» Auf solche Ehrungen könne man schon stolz sein.
So viele Erfolge brauchen neben Arbeit, Fleiss und Können aber vor allem auch eines: Glück. «Glück muss man haben. Aber das macht man sich auch selbst, durch die Art und Weise, wie man sich verhält. Wenn ich griesgrämig durch die Welt gehe, bekomme ich keine Sympathien. Dann habe ich auch kein Glück.» So einfach ist das.
«Mein grösstes Interesse waren immer Schuhe.»
Wein, Arbeit und die 100 Jahre
Seinen Geburtstag hat Michaeli stets gefeiert. Morgen also den 90. Zuerst gibt es einen Umtrunk in Hurden, danach geht’s in den Rittersaal im Schloss Rapperswil. Eine Lokalität, die besondere Bedeutung hat für den Jubilar. Dort wollte er eigentlich seine Frau Andrea heiraten. Vor zehn Jahren. Allerdings fanden damals Umbau- und Renovationsarbeiten im Schloss statt.
Am 5. Juli dann der erste Tag der nächsten zehn Jahre. In denen hat Michaeli viel geplant. Im Oktober geht’s voraussichtlich nach Bordeaux. Eine Kombination aus Weinverköstigung und Reise in die Vergangenheit. «Als junger Mann lebte ich sechs Monate unweit der Stadt.»
Ein Plan fürs nächste Jahrzehnt: arbeiten. «80 Prozent der Entwicklungen, der Produktnamen usw. wachsen nach wie vor auf meinem Mist», betont Michaeli mit einem Lachen. Die Freude an der Arbeit hält jung. «Ich gehe darin auf.» Und das, obwohl das Schuh-Business in den letzten Jahren definitiv nicht einfacher geworden ist. Dass das mit dem 100. Geburtstag klappt, davon ist Michaeli überzeugt. Er habe gute Gene. Sein Onkel wurde 104 Jahre alt.
Die Strecke war weit, und sie geht noch weiter. Das Schuhwerk passte und das wird es auch in Zukunft.
Michael Wassner
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